Himmelfahrt 26.05.2022

Wie schön wäre es, wenn der Himmel auf Erden wäre. Kein Leid, kein Geschrei, keine Tränen. "Ich bin dann mal weg.", sprach Christus und fuhr auf in den Himmel. Wo ist in dieser Welt der Himmel zu finden? Hier können Sie die Predigt zu Himmelfahrt lesen.

Liebe Gemeinde,

für Kinder ist die Welt ganz einfach und ganz klar. Keine Frage. Voller Überzeugung teilen sie ihre Erkenntnisse mit.

Im Kindergartengottesdienst stellte ich den Kindern u.a. die Frage:

Wo wohnt eigentlich Gott? Ihre Antwort in Dauerschleife, ganz klar: Im Himmel. Wo auch sonst?

Der heutige Tag zeigt es auch ganz klar an: Wir feiern Himmelfahrt. Christus ist zum Vater in den Himmel aufgefahren.

Also - Gott wohnt im Himmel.

In vielen Kirchen ist dies auch dargestellt. Christi Fahrt in den Himmel.

Der Himmel. Sichtbar. Ganz nah. Zum Greifen nah.

Und doch, er ist ganz fern, den Augen verborgen.

Was ist der Himmel? Und wo ist er?

Eine einfache Frage und doch schwer zu beantworten. Hören wir Himmel, erheben wir unsere Augen nach oben. Oder wir haben ein romantisches Bild vor Augen: weißen Schäfchenwolken auf blauen Hintergrund.

Dort wohnt Gott.

Richtung Himmel, nach oben, streckt Salomo im heutigen Predigttext seine Arme aus. Er betet.

 

Salomo ist sich sicher: Gott wohnt im Himmel

und dann doch wieder auch nicht: kann der Himmel Gott fassen?

1. Kön 8, 22 – 28

22. Und Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel 23. und sprach:

Herr, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich,

 der du hälst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzen Herzen; 24. der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast.

Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.

26. Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast. 27.

Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?

Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dieses Haus tun, das ich für dich gebaut habe? 28.

Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heut vor dir.

Salomo streckt die Hände zum Himmel aus: betet, fleht, fragt.

*Pause*

Hört Gott das Flehen und die Gebete seiner Menschen?

*Pause*                     

Eine nasse Spur hat die Träne auf ihrem dunklen glatten Gesicht hinterlassen. Eine Träne.

In ihrer Spur spiegelt sich das Licht der Deckenlampe.

Ihre Augen schauen gefasst - leicht nach oben, an der Kamera vorbei, die diese Träne, diesen Augenblick festhält. Die Augen scheinen jemanden anzublicken.

Die vollen braunen Lippen liegen ruhig aufeinander. Ihre Arme halten eine zweite Frau ganz fest. Ihr einer Arm liegt um deren Hals auf der Schulter. Die andere Hand hält die Wange, drückt sie gegen den eigenen Hals und Kopf. Die beschützte Frau hält sich fest. Sucht schirmend Halt in den Armen und umklammert die Hand der anderen. Ihre Augen erzählen anderes – erschrocken, entsetzt, ängstlich. Doch keine Tränen. Nur pures Grauen. Ihr Mund ist geöffnet. Die weißen sauberen Zähne leuchten, wie das Weiß ihrer Augen, die auch jemanden anzublicken scheinen.

Leid, Gewalt und Verzweiflung zeigen die Gesichter der beiden Frauen. Hoffnungslos. Fragend.

Dieses Bild: Ein Foto einer World Press Photo Ausstellung.

Dieses Bild, eine Momentaufnahme des Schicksals und Leids zweier Frauen. Aufgenommen hat es Daniel Etter im Gefangenenlager in Surman, Libyen. Die nigerianischen Flüchtlinge sind zu hunderten in dem Gefangenenlager untergebracht. Hier erleben sie sexuelle und körperliche Gewalt. Erhalten nicht genug zu trinken und zu essen.

Noch mehr Bilder sind in dem abgesperrten Bereich der Ausstellung zu sehen. Unter 16 Jahren Eintritt verboten. Doch ein Teil ist von außen erkennbar. Und drinnen?

Dokumentiertes Leid in 2D:

Dass vor Schrecken einer Hauswand stehende kleine Mädchen, ihre ganze Körperhaltung, ihr Gesicht - einzementierte Angst.

Brennende Häuser;

Ermordete Menschen kreuz und quer nach einem Bombenanschlag über den Boden verteilt liegend.

Und noch ein anderes: Drei junge Männer verlassen zerstörte Häuser, sie rennen, die Köpfe geduckt, in ihren Armen bergen sie schützend Babys. In ihren Armen neues Leben - gerettet.

Die Ausstellung: Ein kleiner stummer Einblick in das Weltgeschehen. Doch die Blicke schreien aus den Bildern heraus.

*Pause*

Himmelfahrt. Gott hat die Welt verlassen. Wo ist er bei den Frauen, Männern, Kindern, wo ist er in dem Leid dieser Welt? Wo ist er - im Himmel?

Salomo steht mit den Armen erhoben vor dem heiligen Altar. In seinem Tempel, den er errichtet hat für Gottes Namen, dass er da wohne, wie er es David verhießen hatte. Eine Wohnstätte Gottes auf Erden. Gottes Tempel. Salomo betet im Angesicht des Volkes. Er dankt Gott, dass Gott die Verheißungen, die er seinem Vater und dem Knecht Gottes David gegeben hat, erfüllt hat.

Doch Salomo weiß: der Himmel kann Gott nicht fassen und auch nicht der Tempel. Salomo dankt. Er preist Gottes Barmherzigkeit und die Treue zu seinem Bund. Kein Gott ist wie Jahwe, weder im Himmel noch auf Erden.

Unfassbar dieser Gott. Heilig. Diese Heiligkeit wird auch im Namen Jahwe deutlich. Für die Juden undenkbar, dass sie diesen Namen aussprechen. Er ist zu heilig. Fern scheint ein solcher Gott zu sein, dessen Name unaussprechliche ist. In Salomos gepriesener Barmherzigkeit Gottes ist Gott zugleich der Ferne.

Salomo betet weiter. Aber er betet nicht nur. Er fordert Gott auf, fordert, dass Gott sein Wort wahr werden lässt. Doch er fragt auch: Kann ein Gott wirklich auf Erden wohnen? Der Himmel aller Himmel kann Gott nicht fassen – wie sollte dann dieses Haus es tun?

Und heute? Heute ist der Tempel zerstört und Christus aufgefahren in den Himmel. Hat Gott den zerstörten Tempel, die Welt verlassen? Die Bilder der Ausstellung zeigen eine von Gott verlassene Welt. Warum lässt er das Leid zu?

Eine alte Frage. Viele Antworten gibt es, doch keine scheint die Frage wirklich zu beantworten.

Kann er und will er nicht?

Oder: Will er und kann er nicht?

Oder: Kann er nicht und will auch nicht?

Oder: Kann er und tut es auch?

Wenn Christi Aufstieg zum Vater als Himmelfahrt bezeichnet wird, so müsste Weihnachten eigentlich Erdenfahrt heißen.

Menschen brauchen Begriffe, um sich die Welt aber auch die transzendente Welt zu veranschaulichen.

Erdenfahrt also. Im Philipperbrief wird diese Erdenfahrt beschrieben: „[Christus], der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz.“

Gott hat die Welt besucht, er ist in die Welt gekommen, hat sich uns in Christus offenbart, gezeigt.

Eine Welt die Gott nicht fassen kann, weder Himmel noch Erde, dieser Gott ist zu uns gekommen.

Trotz des Menschen ist er gekommen, trotz des Leids, der Dunkelheit des menschlichen Sinnens und Handelns ist er gekommen. Er hätte es nicht tun müssen. Der Heilige.

Aber ist er vielleicht gerade wegen unseren Menschseins gekommen?

Doch Christus ist zu seinem Vater zurückgegangen. In den Himmel aufgefahren.

Durch Gott wurde Christus erhöht, wie es im Philipperbrief weiter heißt, „und Gott hat Christus den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen beugen sollen aller deren Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“

Doch wo ist er nun, der Heilige. Heute?

Für Salomo kann Nichts Gott fassen, nicht die Erde, nicht der Himmel und nicht der Tempel – doch der Mensch, der Mensch hat nun einen Ort für seine Beziehung zu Gott. Diese Kirche hier: ein Ort, an dem Menschen in Beziehung zu Gott treten. Ganz bewusst.

Es ist ein Ort der Beziehung, des Gebetes aber auch des Flehens.

Salomo nutzt diesen Ort. In seinem Gebet vor dem Altar dankt er, preist er, klagt und fordert er.

Er fordert Gott auf und bittet ihn: „Höre du das Flehen und Gebet deines Knechts heut vor dir.“

Auch heute kommen wir in die Kirche, vor den Altar. Es sind für uns die Orte der Begegnungen. Diese Orte sind nicht nur in Stein gehauene Geschichte des Glaubens, sie symbolisieren nicht nur unserer Beziehung zu Gott, sondern hier wird lebendiger Glaube und Beziehung gelebt und gestaltet. Wir kommen hier vor Gott: im Hören seines Wortes, im Gesang, im Gebet. Im gemeinsamen und im persönlichen Gebet, mit hörbaren Worten oder still. Vor ihn tretend. Da seiend. Seine Worte hörend, dass er Fleisch wurde. Und in dieser Beziehung, in diesem Hören, in dem Gebet ist er da, mitten unter uns, wie er uns verhießen hat. Ein Ort an dem wir ihm begegnen können. Nicht nur, aber auch.

Ja. Wir können dieses viele Leid nicht verstehen, dass uns da entgegenschlägt. Wir flehen: Gott hilf. Sei du da. Doch oftmals schweigt er.

Christus rief am Kreuz zu Gott: Eli, eli lama asabtani?

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich, uns verlassen?

Und wir flehen mit Christus, flehen mit Salomo, flehen mit den Traurigen, Elenden, Verlassenen.

Eine von Gott verlassene Welt? Das fragen Menschen.

Was würde denn Gott fragen?

Eine von Glauben und Nächstenliebe verlassene Welt?

Gott war immer für seine Welt da.

Salomo ist sich sicher Gott hat seine Verheißung erfüllt, und doch rechnet er damit, dass der Mensch Gott begegnen kann im Gebet, aber auch im Flehen.

Und der Mensch? Ist er selbst da für seine Welt, da für die Mitmenschen, den Nächsten?

Wir müssen mit den Spannungen leben.

Sie aushalten. Leben in der Gewissheit und der Freude, in denen wir sagen: „ JA, Gott, du bist da!“

Und dann doch wieder: die Zweifel, die Verunsicherung und die Frage: „Wo bist du Gott?“

 „Wir suchen nach dir Gott.“

Wir suchen nach ihm – trotz unseres Vertrauens, aber auch trotz unserer Zweifel.

Es ist ein Leben in Spannung.

Gott hat in Christus diese Welt für alle sichtbar in Menschengestalt besucht.

Hat sich uns gezeigt und offenbart und ist zu seinem Vater zurückgegangen. Aufgefahren in den Himmel.

Nicht in den für uns sichtbaren Himmel, sondern in den Himmel Gottes, wie wir es im Evangelium gehört haben. Und wir haben seine Verheißung, dass er da ist.

Können wir darauf vertrauen trotz dieser Welt?

Er ist da. Hört, begleitet, erfüllt uns mit seinem Geist.

Er ist da: Im Gebet, im Hören seines Wortes, im Vertrauen auf seine Verheißung.

Er ist da: in der tröstenden Umarmung der Frau in der Gefängniszelle, die selbst nichts hat, außer dieser Umarmung;

Er ist dort, wo sich Menschen um Verletzte kümmern.

Er ist da, in den Armen der Männer, die schützend die Babies aus den Trümern retten.

Wir können mit Salomo bitten, dass wir Vertrauen haben in Gottes Dasein. Denn er ist hier. Der Himmel ist mitten unter uns. Amen.