03.04.2022
Predigt von Judika

Der Frühling erwacht. Kleine Farbtupfer inmitten der winterlichen Tristes. Doch noch mehr ist wach: Krieg, Hunger, Krankheit, Tod. „Was ist der Mensch?, frage ich inmitten einer schönen aber auch grausamen Welt? Und: Welche Wege gehe ich in ihr? Die Predigt von Judika können Sie hier nachlesen.

Predigt           PT Mk 10,35-45

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christi. Amen.

Frühlingsbotschaft                  Heine, Heinrich (1797-1856)

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus bis an das Haus,
Wo die Veilchen sprießen!
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.

Liebe Brüder und Schwestern,

Ich liebe den Frühling. Nach der Zeit des scheinbaren Stillstands des Winters, bricht sich das Leben bahn. Schneeglöckchen, Osterglocken, Märzenbecher und viele mehr, erste Farbtupfer. Wunderbare Sonnentage durften wir in der letzten Zeit genießen. Nach dem tristen, wolkenverhangenen Winter eine Wohltat für die Seele. Und auch die Vögel konnten nicht mehr still sein. Sie verkünden mit munterem Gezwitscher: Erwacht! Es ist Frühling.

Ich höre, sehe, rieche den Frühling. Meine Sinne lassen sich wecken und genießen voller Staunen und Freude.

Dies alles geschieht ohne mein Zutun.

Doch mitten in das Frühlingserwachen ist noch anderes erwacht: Leid, Geschrei, Schmerz, Tod. Die grässliche Fratze des Bösen reißt seinen Schlund auf und verschlingt Freiheit, Frieden und Leben.  Menschen leiden, Menschen fliehen, Menschen sterben.

Im Vers 42 des Predigttextes heißt es:

Da rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.[1]

Nichts scheint sich seit damals verändert zu haben:

Das Leid aus der Ukraine hat sich in meine Sinne gebrannt.

Nach scheinbar 77 Jahren Frieden herrscht wieder Krieg.

Meine Freude und innere Frieden des Frühlingserwachens wird jäh zerrissen, stürzt in die tiefste Dunkelheit des Erschreckens.

Eiseskälte des Winters lässt Freude und Frieden erstarren.

Krieg, Krankheit, Hunger, Tod: die vier Reiter der Apokalypse galoppieren über die Welt und überziehen sie mit Leid.[2]

Sie reiten seit Anbeginn der Zeit und frohlocken über den Menschen.

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“, fragt der Beter in Psalm 8.

Der Beter des heutigen Psalms 43 für den Sonntag Judika bittet:  Judica me deus - Schaffe mir Recht, Gott.

Falsche und böse Menschen bedrängen den Beter, von Gott fühlt er sich allein gelassen und sucht trotz dessen seine Nähe – fragend, bittend, flehend.

Mit dem Beter suche ich Recht und Gerechtigkeit in einer Welt, die überstrahlend schön ist, erwachend erblüht in den Farben des Regenbogens, aber auch einer Welt, in der Menschen den vier Reitern der Apokalypse den Teppich ausrollen, sie einladen, sich an den gedeckten Tisch der Welt zu setzen, sich ausschweifend zu bedienen.

Was ist der Mensch?

Im Predigttext wird die Frage beantwortet. Der Mensch ist arrogant, gewalttätig, gewinn- und machtstrebend, überheblich.

Von den Herrschenden wird berichtet, dass sie unterdrücken, ausnutzen, rücksichtslos herrschen.

Von den Jüngern lesen wir, dass sie scheinbar nichts dazu gelernt haben. Jesus muss ihnen es erneut erklären. Sie suchen die Gewinnerplätze auf dem Treppchen. Zwar nicht Platz 1, der gebührt Jesus, doch die Plätze 2 und 3, rechts und links neben Jesus, den wollen sie sich jetzt schon einmal sichern.

Die Jünger haben von Jesus erfahren, wie Gott sich die Erde gedacht hat, wie wir miteinader leben sollen, doch sie tun es schon wieder.

Die Menschlichkeit ist tief in ihnen verwurzelt, ihre Fragen und ihr Ansinnen zeigen es uns. Sie überschätzen sich selbst.

Auf das Gespräch von Jesus, Jakobus und Johannes werden die 10 Jünger aufmerksam. Sie sind verärgert, doch noch bevor sich die Gruppendynamik ins Negative wie Gift ausbreiten kann, die die Gemeinschaft zerstört, entzieht Jesus ihnen die Grundlage.

Er gibt Antwort. Er sagt, wie sie und wir miteinander leben sollen. Und zugleich beschreibt Christus mit dieser Antwort seine Zukunft:

Wer groß sein will, der soll den anderen dienen,

und wer der Erste sein will, der soll sich allen unterordnen.[3]

Würde diese Antwort in unserer Welt gelebt werden,

Würde jeder auf den Anderen Rücksicht nehmen,

Würde jeder sich als Teil der Menschheit sehen,

dann würde unsere Erde eine andere sein.

Doch leider ist dem nicht so.

Ohnmächtig betrachte ich das Weltgeschehen.

Ich versuche es in mir zu vereinen.

Die Mächtigen, die Machtlosen.

Die Gewalttätigen, die Friedfertigen,

Die Hochmütigen, die Demütigen,

Den Krieg, die Schönheit des Frühlings.

Und dazwischen finde ich mich wieder.

„Du!“ – fragt mich das Gespräch Jesu mit den Jüngern an.

Wo stehst du, Constanze?

Wie handelst Du?

Welchen Weg beschreitest Du?

Ich werde infrage gestellt.

Es ist leicht, das Reden und Handeln von anderen Menschen zu kritisieren, es besser zu wissen. Mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Schwer ist es, von anderen kritisiert zu werden.

Doch noch schwerer ist es, sich selbst unter die Lupe zu legen. Ich muss bereit sein, mich zu reflektieren, mich selbst zu hinterfragen und in der Konsequenz bereit sein, mich zu ändern.

Ich lege mein Leben also unter eine Lupe.

Wunderbares entdecke ich hier. Dinge worüber ich mich freue, Dinge, für die ich dankbar bin.

Doch dazwischen entdecke ich auch dunkle Flecken:

statt dem Frieden gab ich mich der Wut hin,

statt Hilfe zu geben, half ich mir selbst,

statt den Anderen zu sehen, diente ich mir,

statt Recht zu üben, war ich ungerecht.

Beim genauen Hinsehen wird mir bewusst, es sind alles kleine Fäden, gewoben im roten Teppich der Welt, ausgerollt für die Reiter die lachend über sie galoppieren.

Ich selbst webe mit. Doch eigentlich will ich es nicht.

Auf welchem Weg bin ich unterwegs.

Handle und lebe ich als Christ?

Welchen Teppich finde ich unter meinen Füßen?

Christus hat mir, hat uns den roten Teppich ausgerollt.

Er selbst ist es.

Doch jeder von uns muss selbst entscheiden, über welchen er gehen will. Jeden Tag aufs Neue.

Seit Donnerstag hat uns der Winter wieder im Griff.

Die Vögel zwitschern nur noch vereinzelt.

Kälte statt Wärme herrscht.

Unter der Schneedecke allerdings ist das Neue trotzdem noch zu entdecken: die kleinen Farbtupfer der Frühlingsboten.

Sie sind ein Beispiel für mich. Sie zeugen vom Anbruch des Neuen, vom Reich Gottes inmitten einer von eisenkälte, erstarrten lieblosen Welt.

Sie machen mir Mut und Hoffnung dran zu bleiben, immer wieder genau hinzuschauen, mich zu prüfen, ob ich Christi Weisung folge oder der Welt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unser Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbittengebet mit Vaterunser

Du Gott des Friedens,
Ewiger,
Gerechter.

Der Schrei nach Frieden hallt durch die Welt.
Die Menschen in Mariupol schreien,
die in Kellern und Tunneln Schutzsuchenden,
die Verschleppten,
die Kinder, die zu Waisen werden,
die Soldatenmütter,
die Flüchtenden.
Schaffe ihnen Recht,
du Gerechter.
Schaffe Recht in dieser Welt,
du Gott des Friedens.

Wir bitten dich: Kyrie eleison

Schmerzensschreie hallen durch die Welt.
Die Verwundeten schreien,
die Gebärenden,
die Gebrochenen und Verletzten,
die Kranken, auf den Isolierstationen,
die Verzweifelten,
die Sterbenden.
Schaffe ihnen Heilung,
du Lebendiger.
Heile diese Welt,
du Gott des Lebens.

Wir bitten dich: Kyrie eleison

Hilferufe hallen durch die Welt.
Die Friedliebenden rufen nach Hilfe,
die Optimisten und die Mutigen,
die Erschöpften,
die Hungrigen und
die, die am Vertrauen festhalten,
die Ratlosen und die, die sich nach Versöhnung ausstrecken.
Komm mit deiner Hilfe,
du Kraft der Liebe.
Rette diese Welt,
du Gott des Erbarmens.

Wir bitten dich: Kyrie eleison

Dein Lob und unsere Lieder klingen durch die Welt.
Die Kirche in aller Welt betet.
Es beten die Menschen,
die sich deinem Sohn anschließen,
seine Worte hören,
sein Gebot achten,
seinem Leidensweg folgen.
Sie beten und wir beten.
Höre unsere Lieder,
du unser Gott.
Höre unser Beten.
Führe deine Sache in dieser Welt.
Dir vertrauen wir uns an,
durch Jesus Christus, deinen Sohn,
unseren Bruder und Herrn mit ihm bitten wir dich:

Vater unser …

 

[1] Mk 10,42.

[2] Offb. 6,1-8.

[3] Mk 10, 43f.